Unfreiwillige Übernachtung im Wald

Es ist jetzt schon zwei Jahre her, aber noch oft denke ich an die eisige Nacht, die ich ungewollt im Freien verbringen musste.

Meine Frau hatte mir einen Rucksack geschenkt, einen Berghaus Atlas 3, den ich möglichst schnell ausprobieren wollte. Also packte ich ein paar Sachen ein, aber nichts wirklich Spätherbsttaugliches, sondern einfach das Sommerzeug, das ich vom alten in den neuen Rucksack stopfte. Naja, zumindest das meiste davon.

Mein Bushcrafter-Kumpel Dominik beschwerte sich ein paar Tage zuvor, dass es keine zuverlässigen Karten gibt, auf denen Feuerstellen verzeichnet sind. Also lud ich sämtliche Karten auf für mein Zielgebiet auf mein Handy – teils historische – und wollte die fünf dort markierten Feuerstellen ablaufen, um zu sehen, ob es die immer noch gibt. Länger als ein bis zwei Stunden sollte das nicht dauern. Auch meine neue Casio Rangeman hatte ich an – ein fantastische Uhr, nur den Kompass muss man regelmäßig kalibrieren, was mir damals noch nicht bewusst war. Der Regenradar prophezeite trockenes Wetter, also ging ich in Jeans, T-Shirt und niedrigen Salomon Schuhen los.

Das Auto lies ich an der wirklich einzigen Parkmöglichkeit an der ca. 4 km langen Straße stehen und speicherte diesen Ort im Navi. Vor mir war ein Pfad, so wie es die älteste Karte versprochen hatte, und ich folgte ihm in Richtung Tal für eine Minute, dann war der Pfad weg! Nicht weiter schlimm, dachte ich mir. Ich war definitiv am richtigen Fleck und konnte sehen, dass sich der Pfad etwas weiter den Hang hinab fortsetzte, ich musste nur einige Meter herunterkraxeln. Früher, vor langer Zeit, musste es hier mal Wald gegeben haben, der aber komplett abgeholzt wurde. Der Boden war trocken und gerade fest genug, dass ich mir sicher war, im Notfall dort wieder hinauf klettern zu können.
Das Spiel wiederholte sich immer wieder – ein paar Meter Pfad, ein paar Meter kraxeln. Irgendwann musste ich sogar 2 Meter senkrecht bergab, was mir Sorgen machte, da ich noch keine richtige Kraft und Beweglichkeit im rechten Arm hatte. Ein Vierteljahr zuvor hatte ich mir drei Sehnen in der Schulter und im Oberarm gerissen und die OP war noch nicht lange her. Aber egal, umkehren war keine Option, ich wollte nun unbedingt ins Tal.

Nach einer Stunde war ich endlich ganz unten angekommen und hab ein Reh halb zu Tode erschreckt. Das stand plötzlich vor mir am Bach, hat mich wohl weder gesehen, noch gehört oder gerochen. Es sprang erschreckt in die Höhe – gegen einen Baum – rappelte sich wieder auf und hoppelte von dannen. Ich dagegen begab mich nun endlich direkt und ohne weiter Umwege auf die Suche nach den Feuerstellen. Nur leider gab es keine. Nicht eine einzige, die laut Kartenmaterial doch da sein sollte, existierte noch. Die letzte hätte sich bei einer Hütte befinden sollen, die halb zerfallen war und in der Namen und Daten in das Holz eingeschnitzt waren. Das neueste Datum, das ich finde konnte, war von 1933.

Enttäuscht machte ich mich auf den Rückweg. Laut meiner tollen, neuen Casio Uhr war es nur noch eine Stunde bis zum Sonnenuntergang. Und dann kam der Regen. Die Sintflut. Der Himmel zog sich zu und es schüttete wie aus Kübeln. Ich befand mich in der Mitte des Tals. Mein Auto war den Hang hoch im Westen, nur gut zwei Kilometer entfernt. Im Norden ging es aus dem Tal zu einem Hotel, aber ich war mir nicht sicher, ob es dort tatsächlich einen Weg gab. Vom Parkplatz des Hotels hatte ich zuvor keinen Weg nach unten gefunden. Im Süden kam man auf jedem Fall aus dem Tal, aber das wären ungefähr 6 km zum Auto gewesen.

Ich entschied mich also dazu, nach oben zu klettern, auf dem gleichen Weg, den ich gekommen war. Doch der Regen verwandelte den losen Untergrund in eine Wasserrutsche erster Güte. Alle Bäume waren gefällt, die Erde fand keinen Halt, und ich ebenso wenig. Ich versuchte es zuerst, musste dann aber aufgeben. Noch eine halbe Stunde bis Sonnenuntergang. Ich war klatschnass – aber hatte noch Spaß!

Also probierte ich es im Norden auf gut Glück. Und tatsächlich fand ich fast am Ende des Tals ein Schild, das den Weg zum Hotel wies! Das Schild schien mindestens so alt wie die Schnitzereien in der Hütte und müsste schon ein oder zwei Weltkriege gesehen haben. Ebenso alt waren wohl auch die dicken Dornenbüsche, die mir den Weg versperrten, just als es dunkel wurde. Der Weg war komplett zugewuchert. Ich versuchte durchzukommen, musste aber schnell aufgeben.

Es blieb mir also nur übrig, nach Süden zu gehen. Da ich jedoch zuvor in die entgegengesetzte Richtung gewandert bin, wäre das ein Marsch von ca. 8 km durch den Regen gewesen. Ich dachte, es müsse auch einen schnelleren Weg geben, und schaute mir im Handy alle Wege auf allen Karten an, die zur Straße, an der ich geparkt habe, führen könnten. Ich prägte mir diese Wege ein, denn der Handyakku machte langsam schlapp, lange würde ich das GPS nicht mehr nutzen können. Ich war heilfroh um meine Zebralight Stirnlampe und die Ersatzbatterien, die ich im Rucksack hatte.

Die meisten Seitenwege zur Straße gab es nicht mehr. Manche führten auch einfach wieder zum großen Weg dem Tal entlang zurück. Doch irgendwann hatte ich Glück: Ein Weg schien tatsächlich nach oben und zum Auto, ins Trockene, in Sicherheit zu führen! Hier gab es auch Bäume und der Boden war fest. Ich folgte dem Pfad und kam meinem Ziel immer näher. Ab und zu war er kurz weg, tauchte aber nach ein paar Bäumen wieder auf. Dann kamen die Brombeerhecken. Ein kurzer Blick aufs Handy bestätigte mir – ich befinde mich nur 20 Meter von der Straße entfernt. Also kämpfte ich mich durch die Dornen, legte Äste über die Büsche, kraxelte, kletterte. Ich muss zugeben, dass ich sogar die Machete benutzte, die ich dabei hatte. Meter um Meter kämpfte ich mich vorwärts bis ich endlich die Straße durch die dichten Zweige erahnen konnte. Da lag sie vor mir – nur zwei oder drei Meter entfernt. Allerdings in horizontaler Richtung – vertikal war der Abstand etwas größer. Wäre es eine flache Strecke gewesen, dann hätte ich es noch schaffen können. Aber steil bergauf durch Brombeerhecken zu klettern war ein Ding der Unmöglichkeit.

Also ging ich wieder ins Tal runter, es war bereits nach 23 Uhr und regnete immer noch. Der Weg war verschlungen und ich hatte keinen Anhaltspunkt, in welche Richtung ich gehen muss. Natürlich war mir klar, dass ich nur zum Bach runter und dann dem Weg nach rechts folgen müsste. Aber ich war müde und erschöpft und es war mir einfach egal, darauf genau zu achten. Der Handyakku war inzwischen komplett leer, aber immerhin hat meine Uhr ja einen Kompass. Am Bach angekommen schaute ich auf diesen, dreht mich nach Süden und marschierte los. Nach einer Weile erreichte ich wieder die Hütte – ich war in die falsche Richtung gegangen. Ich verstand nicht, warum, aber es war mir klar, dass es unter diesen Umständen keinen Sinn hat weiterzugehen.

Ich schlug mein Lager in der Hütte auf, in deren Mitte sich übrigens ein großer Haufen… wie drückt man es am besten aus… menschlicher Verdauungsrückstände befand. Hinter mir war der Bach, wo ich mir Wasser holte. Auf dem Boden der Hütte lagen genug halbwegs trockene Zweige für den Hobo-Kocher. Ich wollte mir einen Tee und etwas zu essen kochen. Für den Tee hat meine Energie noch gereicht, das Essen war mir dann zu viel. Ich war müde und komplett durchnässt. Ich spannte noch schnell eine Wäscheleine auf, hing meine Sachen zum Trocknen daran auf und verkroch mich in den Schlafsack.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, waren meine Klamotten noch nass. Der Bach führte nun hinter und auch vor der Hütte vorbei, so stark hatte es geregnet. Zum Frühstück gabe es Linseneintopf aus der Tüte. Dann pellte ich mich endgültig aus dem Schlafsack, war splitterfasernackt und wollte gerade meine Klamotten von der Leine holen, als plötzlich der örtliche Förster vor mir stand und mich mit einem sehr, sehr skeptischen Blick ansah. Während ich mir die nasse Hose vor die Kronjuwelen hielt, fragte er mich, was zum Teufel ich hier wolle und warum ich in der Hütte übernachtet habe. Ich erzählte ihm, dass ich nach Süden gehen wollte, aber auch dort keinen Ausweg aus dem Tal gefunden habe in der Dunkelheit. Der Förster sah mich an, als hätte er die personifizierte Dummheit vor sich, womit er ja auch nicht ganz unrecht hatte. Er zeigte in eine Richtung, die ich für Norden hielt, und sagte, da ginge es raus. Ich war komplett perplex, übermüdet, unterkühlt und geistig wohl noch nicht ganz da, als mir auffiel, dass die nun klar sichtbare Sonne wohl im Westen aufgehen müsste, wenn mein Norden tatsächlich Norden wäre…

Nachdem der Förster mich endlich in Ruhe gelassen hat, zog ich mich an und schaute auf den Kompass meiner Casio Uhr. Den Süden gab es dort zweimal. Nass und gedemütigt ging ich nach Hause und wurde von meiner Frau begrüßt, die sich natürlich keinerlei Sorgen um mich gemacht hat. Warum auch? Ich bin ja immer auf alles vorbereitet…

Ja, das war dumm. Was lernt man daraus? Grundsätzlich immer das richtige Equipment mitnehmen, denn man weiß nie, was passiert. Jeans und T-Shirt und niedrige Schuhe sind für solche Abenteuer nicht geeignet.
Grundsätzlich bin ich jedoch mit den meisten Sachen, die ich dabei hatte, sehr zufrieden:

– Casio Rangeman GW-9400-1ER, unzerstörbar, zum Goldwaschen gekauft, ideal für Bushcrafter, wenn man den Kompass regelmäßig kalibriert, was auch schnell mal unterwegs geht.
– Berghaus Atlas Rucksack, klasse, kennt wohl (fast) jeder
– Salomon XA Pro 3D GTX, flach und deshalb in der Situation ungeeignet, aber immer noch besser als alle anderen flachen Schuhe, die ich habe. Wasserdicht, wenn das Wasser nicht gerade von oben kommt. Eigentlich Trailschuhe, aber darin bin ich schon einen Trainings-Halbmarathon gelaufen!
– Machete MP9 von ASMC, der letzte Scheiß, sorry. Macheten aus dickem, festen Stahl sind einfach unsinnig. Wenn ich damals schon meine Tramontina gehabt hätte…
– Hobo-Kocher Procul Plus – nicht der leichteste, aber sehr effizient! Bei gutem Zunder (hier: Vaseline-Watte) reichen ein paar feuchte, kleine Zweige, um Tee und Essen zu kochen. Einer meiner besten Anschaffungen, zusammen mit der…

– Zebralight Stirnlampe für CR123 oder 16340 Akku, gebaut für die Ewigkeit, ein Traum! Direkt beim Hersteller in China bestellen, sonst ziemlich teuer.

Werbeanzeigen

Über tlab3000
39 Jahre alter Freiburger

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: